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Die Zukunft des Hirns

Pillen gegen Schüchternheit? Kopfoperationen für Serienmörder? Die Hirnforschung stellt die Gesellschaft vor große Fragen. Keiner ist bei der Entschlüsselung des menschlichen Bewusstseins weiter als das amerikanische Neurologenpaar Hanna und Antonio Damasio.

Von Stefan Klein

Mit 15 Monaten wurde Alice, ein zartes Kind, von einem Auto überfahren. Warum sie den Unfall nicht nur überlebte, sondern auch nach wenigen Tagen völlig erholt schien, verstand niemand. Doch das Glück der Eltern über ihre gerettete Tochter währte nur kurz.

Sie war drei, da konnten sie weder böse Worte noch Schläge davon abhalten, ihren Kopf durchzusetzen. In der Schule schrie Alice, deren richtigen Namen wir nicht nennen dürfen, andere Kinder und Erwachsene nieder, beleidigte und verprügelte sie. Die Lehrer lobten das Mädchen für ihre Intelligenz; trotzdem versagte Alice, weil sie sich jeder Aufgabe widersetzte. Sie log unablässig. Sie bestahl Geschäfte, Mitschüler, selbst ihre Familie. Die Eltern, ein Paar aus den aufgeräumten Verhältnissen des amerikanischen Mittleren Westens, hatten Geld, Zeit und Liebe für Alice und ihre wohlgeratenen Geschwister - und mussten doch ohnmächtig zusehen, wie ihre Tochter immer weiter verrohte. Sie war ein Kind ohne Furcht, ohne Mitgefühl, ohne Moral.

Mit 14 wurde sie von ihren Eltern in ein Erziehungsheim gesteckt. Auch die Erzieher waren hilflos, nicht einmal Psychopharmaka konnten Alice' Aufsässigkeit dämpfen. Sie rannte davon, wurde schwanger. Für ihr Baby konnte sie keine Liebe entwickeln, Schuldgefühle schienen ihr fremd, ebenso die Sorge um ihre eigene Zukunft. Alice verspielte ihr Geld, beschimpfte ihre Arbeitgeber, rannte im dichten Verkehr über die Straße. Dann schickte ein Arzt sie an das College of Medicine in Iowa City.

So wurde Alice einer von 2525 Fällen in den Archiven von Antonio Damasio, wo so viele Ansichten kaputter Gehirne gesammelt sind wie nirgends sonst auf der Welt. Seit 25 Jahren tragen der Neurologe Antonio Damasio und seine Frau Hanna die Geschichten von Menschen mit allen erdenklichen Störungen des Denkens, Fühlens und Handelns zusammen und speichern deren Gehirnbilder in Computern. Manche Patienten haben ihr Kurzzeitgedächtnis verloren, andere ihre Empfindungen; einige können nur noch Tiere erkennen, aber keine Gegenstände und keine Gesichter. Am ärgsten behindert jedoch sind die, deren Erinnerung nicht weiter zurückreicht als ein paar Sekunden. Weil diese Menschen keine Vergangenheit kennen, wissen sie nicht einmal mehr, wer sie sind; sie treiben dahin in ewiger Gegenwart.

Damasio und seine Frau sammeln die Anatomien all diesen Leids, um daraus Einblick in die Funktionen des menschlichen Geistes zu gewinnen. Und mittlerweile erntet Antonio Damasio die Früchte seiner jahrzehntelangen Beschäftigung mit beschädigten Hirnen. Er ist der erste Wissenschaftler, dem es gelungen ist, das menschliche Bewusstsein aus dem Aufbau und der Arbeitsweise des Gehirns heraus überzeugend zu erklären.

Für den Forscher Damasio war Alices trauriges Leben nur eines von ungezählten Mosaiksteinchen, aus denen er seine Theorie gebaut hat. Doch die Desaster der heute 21jährigen Alice haben eine Bedeutung, die weit darüber hinaus reicht. Sie beweisen, dass Fehlverhalten und sogar Verbrechen eine greifbare Ursache im Gehirn haben können. Denn Damasio und seine Kollegen in Iowa City fanden heraus, dass die Frau an ihrem Tun völlig schuldlos ist.

Schon die ersten Durchleuchtungen ihres Kopfes zeigten hinter der Stirn statt des Großhirns ein faustgroßes Loch. Normalerweise müsste hier am Schädelknochen das vordere Stirnhirn beginnen: Hier schätzt ein Mensch die Folgen seines Handelns, erfährt er Belohnung und Bestrafung. Bei Alice aber war an Stelle dieser grauen Massen, ohne die es weder Mitgefühl noch Moral geben kann, einfach nur Leere. Nach dem Autounfall hatte sich eine Zyste gebildet und das junge Hirngewebe zusammengedrückt.

Gleichzeitig untersuchten die Forscher einen Jungen mit demselben Symptom: gleicher Defekt im vorderen Stirnhirn, ebenso verantwortungsloses Verhalten wie Alice. Und sie verglichen ihre Ergebnisse mit denen des kalifornischen Neuropsychologen Adrian Raine, der in einer Reihenuntersuchung die Köpfe von Mördern studiert hat. Zwar sind die Gehirne dieser Verbrecher, anders als die von Alice und dem Jungen, intakt. Doch auch bei ihnen ist im vorderen Stirnhirn ungewöhnlich wenig Aktivität.

Die Erkenntnisse des Ehepaares Damasio sind der letzte Triumph eines Forschungszweigs, der vor fast 150 Jahren in einer Pariser Irrenanstalt seinen Anfang nahm. Eigentlich fehlte dem Patienten, den alle Tan-Tan nannten, nicht viel, nur dass er über zwei Jahrzehnte hinweg immer dieselbe Silbe von sich gab, "tan". Nach seinem Tod machte sich ein Wissenschaftler auf die Suche nach einem Grund für so viel Einsilbigkeit: Er sägte Tan-Tan den Kopf auf.

Paul Broca, so hieß der Forscher, fand hinter der Schläfe des toten Patienten einen zerfressenen Nervenknoten im Gehirn, kaum münzgroß, er schloss, dass dort das Sprachzentrum sitzt, und damit hatte er 1861 eine epochale Entdeckung gemacht. Zum ersten Mal hatte ein Naturwissenschaftler mit dem Seziermesser gefunden, wonach die Philosophen seit der Antike gedanklich suchen: einen Zusammenhang zwischen Geist, Verhalten und dem Gehirn.

Heute muss kein Hirnforscher mehr den Tod seiner Patienten abwarten. Mit Computertomographen ist es möglich geworden, die Welt unter der Schädeldecke millimetergenau zu vermessen, ohne den Kopf auch nur zu berühren. Magnetresonanz zeigt die Struktur des Gewebes im Hirn; mit Positronen-Emissions-Tomographie lässt sich der Blutfluss verfolgen. Auf diese Weise können die Forscher dem Stoffwechsel der Neuronen und damit dem Hirn beim Denken und Fühlen zusehen. So wurde im vergangenen Jahrzehnt mehr über das komplizierteste aller Organe bekannt als in der gesamten Medizingeschichte zuvor.

Abzusehen ist, dass die Hirnforschung das Bild vom Menschen mindestens so sehr umwälzen wird wie das Genom-Projekt und die Klon-Experimente. Und das moralische Dilemma dieser Wissenschaft könnte eher noch größer sein. Aber über all das wird nicht geredet in einer Gesellschaft, die noch damit beschäftigt ist, die Internet-Revolution und die Entschlüsselung des menschlichen Genoms zu verdauen. Um an der Revolution in der Neurobiologie teilzuhaben, sind Hanna und Antonio Damasio, beide aus Portugal stammend, im Jahr 1976 von Harvard nach Iowa City gegangen, eine kleine Universitätsstadt im Farmerland, 350 Kilometer westlich Chicagos. Hier warfen die beiden Forscher ihr Netz aus: Kein neurologisch interessanter Fall im ganzen Mittleren Westen sollte ihnen entgehen. Besonders bemerkenswerte Patienten begannen sie über Jahrzehnte hinweg zu verfolgen.

Im Lauf der Jahre haben die Damasios einen ganzen Apparat zur Vermessung des menschlichen Geistes aufgebaut. Mehrere hunderttausend Dollar im Jahr kostet allein der Betrieb der beiden Gehirnscanner im Institut, für die ein eigener Teilchenbeschleuniger radioaktives Kontrastmittel liefert. Zehntausende Innenansichten kranker Köpfe sind in den Rechnern gespeichert. Damasios Mitarbeiter haben sich ein ausgefeiltes Instrumentarium von mehr als 40 psychologischen Tests einfallen lassen, mit denen kein noch so verstecktes Gebrechen unentdeckt bleibt. Und Hanna Damasio, Bildhauerin in ihrer Freizeit, erfand ein Visualisierungssystem, das aus vielen Hirn-Scans ein räumliches Bild zeichnet. Auf ihrem Bildschirm drehen die Hirne, und je nach Bedarf kann die Wissenschaftlerin sie virtuell aufschneiden.

So leben die Damasios seit 30 Jahren in intellektueller Symbiose. Sie leitet das Hirn-Scan-Labor; er die Neurologische Klinik, ist damit ihr Chef. Sie liefert die Ansichten von den Patientengehirnen und "ist ungeheuer präzise in der Planung der Experimente", wie er lobt. Aus ihren Ergebnissen konstruiert er Theoriegebäude, publiziert sie voller Anspielungen auf seine Lieblingsautoren William Shakespeare und Fernando Pessoa - und erntet den Ruhm. Sein erstes Buch "Descartes' Irrtum", das den abendländischen Irrglauben einer Trennung von Gefühl und Verstand widerlegte, bescherte ihm mehr als eine halbe Million Leser. Sein neues Buch "Ich fühle, also bin ich", in dem er das Bewusstsein erklärt, ist gerade erschienen. Gut sichtbar stapeln sich in seinem Büro seine in 17 Sprachen übersetzten Werke. Er reist als Vortragender um die Welt, tritt im Fernsehen auf, wird in der "New York Times" zum klugen Umgang mit Gefühlen befragt. Unter Fachkollegen ist Damasio, 56, ohnehin längst eine legendäre Figur. Was der "herausragendste Neurologe der Welt", so der Medizin-Nobelpreisträger David Hubel, verfasst, ist Pflichtlektüre.

Mit seiner Bekanntheit gewinnt er ganz nebenbei neue Patienten, mehr, als er studieren kann. "Früher mussten wir interessante Fälle im Mittleren Westen suchen", sagt er, "heute strömen Menschen aus Südamerika, Japan, Europa zu uns. Wir müssen sie stoppen."

Versuchsperson der Damasios zu werden bedeutet: Einmal im Jahr eine knappe Woche im abgelegenen Iowa City verbringen. Dutzende Interviews und psychologische Tests. Speicherung der eigenen Hirnanatomie und der persönlichsten Daten. Kopfdurchleuchtungen, bei denen radioaktives Wasser als Kontrastmittel in die Blutbahn gespritzt wird. Immerhin: Die Spesen werden ersetzt.

Heilung kann Damasio keinem versprechen, der zu ihm reist. Zerstörtes Hirngewebe wächst nicht nach, und die Medizin kann es bislang nicht ersetzen. Sein Studium in Lissabon begann er nicht, um später nur helfen zu können, er wollte den Menschen erforschen. "Doch oft ist es gerade Wissen, das hilft, mit der unheilbaren Krankheit fertig zu werden", sagt er. "Patienten schreiben: ,Ich habe ein ganz neues Leben gewonnen, seit ich erfahren habe, was schief läuft in meinem Kopf. Auch die Familie versteht mich nun besser.'" Damasio glaubt, dass man bei einem so komplizierten Gebilde wie dem Gehirn besser den Gesamtplan versteht, um im Detail etwas daran reparieren zu können.

Auf der Suche nach der Seele des Menschen, beschäftigt sich Damasio derzeit vor allem mit den Gefühlen. Sie dienen nach seiner Ansicht dazu, automatisch den Organismus zu steuern. Das taten sie schon im Tierreich, lange bevor die Evolution das bewusste Denken erfand. Ärger bewirkt einen Angriff, Angst löst Starre oder einen Fluchtreflex aus. Aber die Gefühle leisten noch mehr: Ohne sie kommen beim Menschen keine vernünftigen Entscheidungen zu Stande.

Damasios Patientin Susan kennt keine Angst, eine Krankheit hatte ihren Mandelkern zerstört, ein Zentrum im Großhirn, welches für diese Emotion notwendig ist. Sie kann keine Furcht bei anderen erkennen, ängstliche Gesichter nicht zeichnen - und kein Misstrauen empfinden. Obwohl sie um diesen Defekt weiß, fällt sie jeder neuen Bekanntschaft gleich um den Hals - und wird unablässig ausgenutzt.

Wer dagegen einen Schaden im vorderen Stirnhirn hat, dem fehlt alles Gefühl für Leid. Weder löst fremdes Ungemach irgendwelche Regungen bei ihm aus, noch hat er Antennen für eigenes Leid - daher das eigenartige Zusammentreffen von Rücksichtslosigkeit und Draufgängertum bei Menschen wie Alice, die nach ihrer Kopfverletzung nie die Regeln des Zusammenlebens lernte.

Dabei kommt es nicht unbedingt darauf an, ob ein Mensch seine Gefühle kennt, damit er das Richtige tut - die Intuition arbeitet in jedem Fall für ihn, selbst in unübersichtlichen Lagen. Um zu testen, wie jemand mit Risiken umgeht, schließen die Psychologen in Damasios Team ihn an einen Lügendetektor an und geben ihm eine Art Pokerspiel, bei dem man wiederholt Karten aus zwei verdeckten Stapeln ziehen kann: Der gute Stoß beschert mäßige Gewinne im Wechsel mit kleineren Verlusten; der schlechte Stoß ab und an einen ziemlich großen Gewinn, aber noch öfter einen enormen Verlust. Erst nach einer Weile können gesunde Versuchspersonen das Prinzip erklären. Aber zu diesem Zeitpunkt meiden sie längst den schlechten Stapel, und der Lügendetektor meldet leichten Angstschweiß und Herzklopfen, sobald sich die Hand dem riskanten Stoß nähert.

So wird der Körper zur Bühne von Angst und Freude, Ärger und Wut. Fälschlicherweise gelten die Körpersymptome nur als Dreingabe eines Gefühls, sagt Damasio. Tatsächlich verhalte es sich genau anders herum: Erst wenn wir merken, wie die Hände feucht werden, die Knie zittern und die Mundhöhle austrocknet, wird Angst über den Umweg der Körperwahrnehmung bewusst.

Das Bewusstsein ist untrennbar mit dem Körper verbunden - seine ursprüngliche Funktion sieht Damasio gerade darin, den Organismus zu beobachten und so das Überleben zu sichern. Für ihn ist das Bewusstsein während der Evolution in drei Stufen entstanden: In den Fundamenten des Selbst erzeugt das Gehirn ein Abbild des Körpers. Zu einer solch simplen Form der Aufmerksamkeit ist sogar eine Schnecke im Stande. In der nächst höheren Stufe wird dieses Abbild des Körpers mit einem Abbild der Außenwelt verglichen - so wird das Heißwerden des eigenen Kopfes als Zornesröte gefühlt. Dieses Vermögen nennt Damasio das Kernbewusstsein; auch Affen, möglicherweise sogar Hunde und andere intelligente Tiere, haben es. Schließlich entsteht ein "Ich", wenn sich Kernbewusstsein mit einer ausführlichen Erinnerung an das eigene Leben verbindet - so etwas vollbringt nur das Gehirn eines Menschen.

Wir alle haben ein Kernbewusstsein, aber manche haben kein Ich: Damasios berühmter Patient mit dem Tarnnamen Boswell ist so einer. Bei ihm hat eine Hirnhautentzündung weite Teile des Großhirns zerstört. Seither kann er nichts länger als ein paar Sekunden im Gedächtnis behalten. Steht Boswell vor einem Spiegel, so erkennt er sich nicht. Trotzdem ist sein Gefühlsleben intakt: Zeigt man ihm Fotos von Menschen, denen er einmal begegnet ist, so bestreitet er zwar, diese zu kennen - kann aber sagen, ob er sie leiden mochte oder nicht.

Damit ist er ein lebender Beweis dafür, dass das Bewusstsein keineswegs von den höchsten Hirnzentren ausgeht, denn genau diese hat Boswell verloren. Weil die Hirntheoretiker bislang glaubten, nur dem Menschen sei ein Bewusstsein zu Eigen, hatten sie seinen Sitz in diesen evolutionär jüngsten Teilen des Großhirns vermutet. Und weil das Wunder "Ich" so unerklärlich schien, behaupteten die Philosophen und Theologen, ein Gott habe es dorthin gesetzt.

Damasio dreht diese Ideen um und bringt sie in Einklang mit Darwins Evolutionstheorie: Das Selbst entwickelte sich allmählich, als die Tierhirne immer komplizierter wurden. Gefühle, so eng mit dem Erlebnis "Ich" verknüpft, gab es lange vor den Gedanken. Und im Gehirn gibt es keine göttliche Spur, es ist eine, unglaublich komplizierte, Maschine. Empfindungen und Erinnerungen sind elektrisch-chemische Impulse, sonst nichts.

Doch die Menschen werden weiterhin daran glauben wollen, eine immaterielle Seele wohne in ihnen. "Weil sie eine zu einfache Vorstellung von Materie haben", sagt Damasio. "Sie glauben, Materie ist träge und roh, der Geist dagegen flüchtig und komplex. Aber das stimmt nicht - die Quantenphysik hat gezeigt, dass Teilchen selbst die dicksten Wände durchdringen können, und sogar die einfachsten Atome nach subtilen Gesetzen funktionieren. Wenn die moderne Physik mit Einstein begann, dann vollendet die Hirnforschung nun die Einsteinsche Revolution." Aber wer möchte sich schon eingestehen, sein ureigenes Erleben sei das Spiel von Molekülen im Kopf? Wer lässt sich gern von Hirnforschern wie dem Bremer Gerhard Roth erklären, dass das Ich "dahintreibt wie ein Blatt im Wind"? So bleibt die Gesellschaft an der Vorstellung haften, der Geist sei ein vom Körper unterschiedliches Ding. Operationen am Blinddarm, selbst Herztransplantationen, sind selbstverständlich - Eingriffe ins Gehirn dagegen rufen Argwohn hervor. Schmerzmittel und Betablocker zählen für viele zur täglichen Essensbeilage - Psychopharmaka erregen Abscheu.

Erst allmählich wird das Gehirn als ein Organ unter vielen erkannt: Je mehr Medikamente für das Nervensystem wir in unsere Badezimmerschränke stopfen, desto mehr ändert sich auch die Auffassung von "Charakter" und "Seele". Wer seine Niedergeschlagenheit mit Prozac bekämpft, kann nur noch schwer glauben, in ihm sitze ein vom Stoffwechsel abgekoppelter Persönlichkeitskern. Eine ganze Generation amerikanischer Schüler schluckt Ritalin, um die Aufmerksamkeit zu erhöhen, oder Paxil, das gegen Schüchternheit hilft. Und all das sei erst der Beginn, sagt Damasio: "Heutige Psychopharmaka verdanken wir Zufallsentdeckungen. Künftig aber werden wir eine Macht über das Gehirn gewinnen, von der wir niemals zu träumen gewagt hätten."

Wenn die Forschung im bisherigen Tempo voranschreitet, könnten die Schrecken von Schizophrenie, Alzheimer und Parkinson in ein paar Jahrzehnten vergessen sein. Drogensucht wäre vermutlich mit Eingriffen in das Belohnungssystem im Hirn zu bezwingen. Aber wie immer schafft Fortschritt neue Probleme: Wie soll man mit Alice umgehen, wenn feststeht, dass der Grund für ihr asoziales Verhalten in einem Hirnschaden liegt?

"Wenn Damasios Ergebnisse stimmen", sagt der Londoner Hirnforscher Raymond Dolan, "müssen wir die sozialen Herausforderungen psychopathologischer Fälle neu bewerten." Werden künftig Mörder nicht mehr als böse, sondern als kranke Menschen angesehen werden?

Steven Anderson, Neuropsychologe in Damasios Team, versucht, Alice mit Rehabilitationsübungen zu helfen: Sie soll lernen, ihr fehlendes Gefühl für sich und die anderen durch ihre intakte Intelligenz wettzumachen. Wo andere intuitiv wissen, was Gut und was Böse ist, lehrt Anderson sie, sich über alle Folgen ihres Tuns bewusst zu werden.

Was ihm Mut macht, sind seine Experimente mit alten Patienten - selbst Alzheimer-Kranke können noch etwas lernen, wenn sie nur die intakten Teile ihres Gehirns richtig einsetzen. Wissen und Körperkontrolle werden in verschiedenen Hirnregionen gelernt, und Alzheimer zerstört nur die Wissensspeicher. Indem er die gesunden Zentren für Körperkontrolle ansprach, brachte Anderson diesen Kranken Entspannungstechniken bei.

"Aber bei Alice sind die Erfolge nicht so berauschend", sagt Anderson. Sie kann sich im Labor noch so oft klarmachen, wie andere auf ihr egozentrisches Verhalten reagieren - sobald sie die Klinik verlässt, fällt sie doch in die alten Gewohnheiten zurück. "Sie bräuchte einen ständigen Begleiter, der sie im Supermarkt daran erinnert, nicht zu stehlen." Und weil den niemand bezahlen kann, lebt Alice weiter im geschlossenen Heim.

Schlimmer noch: Wenn asoziales Verhalten an einem Hirndefekt liegt, und wenn der Schaden weder zu beheben noch zu umgehen ist, gibt es für diese Menschen keinerlei Hoffnung. Denn dann sind alle Besserungsversuche zum Scheitern verurteilt. Die Gesellschaft könnte sich nur schützen, indem sie solche Kriminelle lebenslang wegsperrt.

Und die Versuchung wäre groß, potenzielle Sexualverbrecher allein aufgrund einer Hirndiagnose in die Zelle zu schicken - bevor sie straffällig werden. Wer so etwas will, kann mit Kriminalitätsstatistiken argumentieren. Nach einer amerikanischen Studie verüben nur 6 Prozent der männlichen Bevölkerung 70 Prozent der Kapitalverbrechen. Der US-Kriminologe Ray Jeffery beispielsweise fordert, "die Hochrisikopersonen jung zu identifizieren und sie in Behandlung zu stecken, bevor sie ihre kriminelle Karriere beginnen".

"Wir möchten nicht der Meinung Vorschub leisten, jeder Straftäter habe einen Hirnschaden und müsse seinen Kopf scannen lassen", entgegnet Damasio. Denn fast immer liegen die Dinge viel komplizierter als bei Alice, der eine ganze Hirnregion fehlt. Die bisher bekannten Computertomogramme von Mördern hingegen zeigen nur in wenigen Fällen auffallend geringe Aktivität in den entsprechenden Teilen des Stirnhirns. Erstens weiß noch niemand, ob ein solcher Effekt Ursache oder Folge fehlender Moral ist. Zweitens muss noch lange nicht morden, wer eine Veranlagung zum Mörder hat. "Der Mensch ist eben nicht nur Knecht seines Hirnstoffwechsels", sagt Damasio, "er wird ebenso vom Einfluss seiner Umwelt bestimmt." Trotzdem hat er sich längst darüber Gedanken gemacht, ob Eingriffe in den Stoffwechsel seiner Patientin Alice nicht doch helfen könnten - möglicherweise würden künstlich zugeführte Neurotransmitter die Rehabilitation unterstützen. Und wenn eine heute utopische Hirnoperation ihr Problem lösen könnte, so würde Damasio prinzipiell auch dies als ein letztes Mittel in Betracht ziehen: "Wir müssen alles tun, was das Leiden verringert."

Als junger Arzt hatte er noch bei Almeida Lima gelernt, dem Lissabonner Neurochirurgen, der von 1935 an die ersten Leukotomien durchführte, um Schizophrene von ihren Wahnanfällen zu befreien. Dieser Eingriff, in dem das vordere Stirnhirn von anderen Hirnteilen abgetrennt wurde, hinterließ die Patienten im schlimmsten Fall so apathisch wie Jack Nicholson in dem Film "Einer flog über das Kuckucksnest". Aber weil es damals keine anderes Mittel gegen Schizophrenie gab, wurden weltweit Zehntausende Patienten leukotomiert.

"Die Leukotomie war ein verzweifelter Versuch", sagt Damasio. "Natürlich wäre künftige Psychochirurgie sehr viel gezielter. Vermutlich hätte sie sogar weniger Nebenwirkungen als Medikamente. Sobald wir genug über das Hirn wissen, sollten wir davor nicht zurückschrecken." Möglicherweise liegt in solchen Eingriffen tatsächlich eine Hoffnung für Millionen Schwerkranke. Und natürlich weiß Damasio, welche Entwicklungen damit eingeleitet werden, welche Pandorabüchse er damit öffnet: Sollen Betrüger, Vergewaltigter oder Mörder künftig die Wahl zwischen lebenslangem Gefängnis und einer irreversiblen Hirnoperation haben? Und wie werden Ärzte mit Patienten umgehen, die durch einen Eingriff unter der Schädeldecke nur ihre Schüchternheit loswerden wollen?

"Zwangsoperationen und kosmetische Hirnchirurgie wären schrecklich", sagt Damasio. "Aber wir Forscher können nur Erkenntnisse liefern. Was die Gesellschaft damit macht, muss sie selbst wissen."

Copyright Stefan Klein 2000