| Pillen der Erinnerung Träge ist die Erinnerung, wie alles in der Natur. Mäusen zum Beispiel ist der Weg zum Speck meist am nächsten Morgen entfallen. Weshalb auch sollte es den Tieren besser ergehen als uns, die wir uns mühsam die Geheimzahl der neuen Scheckkarte einprägen und Tags darauf doch ahnungslos vor dem Geldautomaten stehen? Selbst Fliegen leiden unter Vergesslichkeit. Die Fruchtfliege Drosophila kann sich mit ihrem winzigen Hirn tatsächlich merken, wo ein Wissenschaftler einem einfachen Labyrinth eine Schale Zuckerwasser versteckt hat. Aber bis sie das erreicht hat, ist sie ein Dutzend Mal in die Irre geflogen: Übung macht auch unter Insekten den Meister - normalerweise. In einem Labor bei New York allerdings leben Fruchtfliegen mit besonderem Hirn. Ihr Gedächtnis ähnelt nicht dem eines Geschöpfs der Natur, eher einem Computer. Ein Flug durch das Labyrinth genügt, und es hat die richtigen Abzweigungen zum Zucker für immer gespeichert. Noch erstaunlicher sind Versuche mit Mäusen, die nach nur drei Minuten Stippvisite sämtliche Details eines neuen Käfigs in Erinnerung behalten; sonst brauchen Nagetiere mindestens eine Viertelstunde, damit von einer neuen Umgebung überhaupt etwas im Kopf hängen bleibt. Neurobiologen haben beide Arten behandelt: In den Hirnzellen der Fliegen zirkulieren dank einer Genmutation ungewöhnliche Mengen des Proteins CREB, welches für das Gedächtnis zuständig sind. Die Mäuse hingegen sind ganz gewöhnliche Tiere. Sie haben bloß ein Medikament bekommen, einen "CREB-Verstärker", welcher ihr Gehirn vorübergehend in ein fotografisches Supergedächtnis verwandelt. Derzeit beginnen die ersten Versuche an Menschen; im Visier der Wissenschaftler: Millionen Senioren, die mit dem Alter an Vergesslichkeit leiden. CREB ist eine Entdeckung Eric Kandels, des wohl größten lebenden Erforschers der Erinnerung. Für sein Lebenswerk hat er im Jahr 2000 den Medizin-Nobelpreis bekommen. Heute 75, leitet er wie eh und je eine große Forschergruppe der New Yorker Columbia Universität in einem Turm hoch über dem Fluss Hudson. Auch hat er ein Unternehmen namens "Memory Pharmaceuticals", wörtlich "Gedächtnismedikamente", gegründet, das vor wenigen Wochen an die Börse ging. Dabei ist ihm bewusst, zu welchem Dilemma er beiträgt. "Die ethischen Schwierigkeiten durch den Fortschritt der Hirnforschung sind viel drängender als die heiß diskutierten, derzeit aber theoretischen Folgen der Kenntnis des Genoms", sagt er. Denn Lernen und Erinnern, aber auch Vergessen werden schon bald mit gezielter Chemie zu beeinflussen sein. Ein von Kandel mitverfasstes und in der Zeitschrift "Nature" veröffentlichtes Thesenpapier erwägt sogar Pillen als einen Ausweg aus der Bildungsmisere. Statt für bessere Schulen zu sorgen - könnte es künftig nicht einfacher und billiger sein, Kindern massenhaft die Hirnleistung steigernde Mittel zu geben? Es war ausgerechnet die Frage nach der Moral, die früh Kandels Interesse an der Erinnerung weckte. Als Schlüsselerlebnis, das ihn sein Leben lang quälte, nennt er Hitlers Einmarsch in seiner Vaterstadt Wien. Im Gewühl der aufgeregten Menschen traf Erich, Kind eines Spielwarenhändlers im 9. Bezirk, auf einen Schulfreund. Der aber wandte sich ab und erklärte: "Ich darf nicht mehr mit dir reden, weil Du ein Jude bist." Fortan wurde er in seiner Klasse geschnitten; in der Reichskristallnacht plünderten die Nazis die Wohnung der Eltern und verschleppten den Vater. Beunruhigender noch als diese wieder und wieder in ihm aufblitzenden Szenen fand er die Frage: Durch welche Kraft können sich die Bewohner einer so kultivierten Stadt über Nacht in Barbaren verwandeln? Nachdem die Familie gerade noch rechtzeitig die Flucht nach New York geschafft hatte, hoffte er im Studium der Geschichte eine Antwort zu finden. Doch während er in Harvard an seiner Abschlussarbeit über die Reaktion deutscher Schriftsteller auf den Nationalsozialismus schrieb, begegnete er einer ebenfalls aus dem jüdischen Wien emigrierten Kollegin, deren Eltern prominente Psychoanalytiker waren. Er sah einen gültigeren, auch interessanteren Zugang zum Wesen des Menschen, nahm einen zweiten Anlauf und studierte Medizin. Dabei entdeckte er, dass sich die Regungen der Seele noch grundsätzlicher erforschen ließen - indem man das Gehirn untersucht. Kandels intellektuelle Biografie liest sich wie eine Reise vom Großen ins Allerkleinste und wieder zurück. Erfolgreich war er, weil er sich immer wieder Probleme suchte, die er lösen konnte. Schnell erkannte er, dass mit den Methoden der 50er Jahre die Biologie der Erinnerung im Menschen nicht aufzuklären war. Also wandte er sich dem Geschöpf zu, das ihn berühmt machte - dem kalifornischen Seehasen Aplysia; der altgriechische Name bedeutet "Verschmutzung". Tatsächlich erscheint Aplysia wie eine Kreatur aus einem billigen Horrorfilm: eine am Meeresboden lebende, mit Ausstülpungen und Hautfetzen besetzte Nacktschnecke vom Format eines Dackels. Riesig und sogar mit bloßem Auge zu erkennen sind auch Aplysias Nervenzellen. Kandels Geniestreich war es, die Brücke vom Verhalten dieses einfachen Tiers zu den Vorgängen in dessen Neuronen zu schlagen. So fand er heraus, wie sich erst die Biochemie, dann auch die Struktur der Nervenzellen ändert, wenn sich Aplysia an wiederholte Berührung seiner Kiemen gewöhnt. Später konnte er seine Einsichten auf Säugetiere übertragen: Erfahrung verwandelt das Gehirn. Dabei wird in den Neuronen eine ganze Kette chemischer Vorgänge ausgelöst, wobei das Protein CREB eine Schlüsselrolle spielt. Es schaltet Gene ein, die für eine stärkere Signalübertragung zwischen zwei Neuronen sorgen. So wird ein flüchtiger Eindruck dauerhaft im Gedächtnis verankert. Normalerweise geschieht dies nur, wenn ein Reiz entweder sehr stark ist oder immer wieder auftritt. Sonst würde sich jede belanglose Erfahrung im Gehirn festsetzen. Die von Kandel ersonnenen Wirkstoffe machen nun mehr CREB als üblich in der Zelle verfügbar. Ein Blick kann dann genügen, um das Gesehene oder Gehörte für immer zu speichern - das Gedächtnis wird fotografisch. Gut die Hälfte aller Menschen verliert mit dem Alter ihre Merkfähigkeit, ihre Neuronen erlahmen. Ihnen will Kandels Firma gemeinsam mit dem Schweizer Pharmariesen Hoffmann-Roche künftig CREB-Verstärker verkaufen. Dass sich manche Formen der Demenz damit ausgleichen lassen, hat der Forscher an Mäusen gezeigt. Gelingt es, die Mittel auch für Menschen verträglich herzustellen, ist ein riesiger Markt zu erobern. Allein in den USA werden in zehn Jahren 77 Millionen Männer und Frauen jenseits der Fünfzig leben, Tendenz dort wie in Europa stark steigend. Heute bereits verdienen amerikanische Pharmaunternehmen mit nur angeblich gedächtnisfördernden Gingko-Dragées und Lecithin mehr als eine halbe Milliarde Dollar im Jahr. "Viagra fürs Gehirn", jubelte das Finanzblatt Forbes über Kandels Experimente. Ein halbes Dutzend andere Firmen bemühen sich um ähnliche Präparate. Wenn sich die anvisierten Pillen durchsetzen - in fünf Jahren, hofft Kandel - wird sich die Art, wie die Gesellschaft auf vergessliche Menschen in der zweiten Lebenshälfte reagiert, unweigerlich ändern. Sich Namen nur noch schwer merken zu können, sich in unbekannten Straßen zu verirren, wird dann nicht mehr als eine natürliche Unannehmlichkeit des Alters gelten: Es wird Symptom einer Krankheit sein, gegen die es Mittel gibt. Umgekehrt werden Senioren, von ihrem häufigsten geistigen Handicap befreit, weit mehr als heute eine aktive Rolle in der Gesellschaft einfordern. Und der Versuchung, seinem Verstand etwas Gutes zu tun, werden nicht nur die Älteren erliegen. Zu verlockend ist es, bei der Vorbereitung auf eine Abschlussprüfung etwas Nachhilfe in Form von Gedächtnispillen zu nehmen; oder vor einem Auslandsaufenthalt zauberisch schnell eine neue Sprache zu lernen. Auch eine Verschreibungspflicht kann nicht verhindern, dass die Verbraucher die Indikationen auf ihre Weise auslegen - das konzentrationsfördernde Mittel Ritalin ist schon heute ein warnendes Beispiel. An amerikanischen Colleges und Universitäten schluckt bis zu 15 Prozent aller Studenten dieses Medikament, das eigentlich gegen die krankhafte Aufmerksamkeitsstörung ADHD zugelassen ist. Bedenklicher noch ist große Zahl der Eltern, die ihren Kindern Ritalin geben, wohl weil sie sich von der Lebhaftigkeit ihres Nachwuchs überfordert fühlen und aus Sorge um die Noten. Auch hier verschiebt die verfügbare Behandlung die Grenzen dessen, was wir als normal anzusehen bereit sind: Mancher Zappelphilipp, dem man früher einfach kindliche Unruhe unterstellt hätte, gilt heute als therapiebedürftiger Fall von Aufmerksamkeitsstörung. Aber kein Medikament ohne Nebenwirkungen. Höchst sinnvoll ist es zum Beispiel, dass sich die Erinnerung träge verhält und Neues nur langsam aufnimmt, sonst wäre das Gehirn schnell überflutet. Menschen mit fotografischer Erinnerung, bei denen dieser Filter gestört ist, können denn auch Wichtiges von Unwichtigem kaum unterscheiden und haben Mühe, eigene Gedanken zu fassen. Diese Folge hätte auch ein künstlicher Gedächtnisverstärker, wenn in einem gesunden Gehirn eingesetzt wird. Darauf setzt Kandel seine Hoffnung: Die Pillen seien lediglich angezeigt bei älteren Menschen, deren Erinnerung nachlässt. Für Jüngere aber würden sie sich von selbst verbieten. Doch die Mittel, an denen die Unternehmen heute arbeiten, sind solche der ersten Generation. Und wie viele nähmen selbst solche Nebenwirkungen vorübergehend in Kauf, wenn es gilt, schnell etwas zu lernen? Im Wettbewerb zählt schließlich ein flinker Verstand. Wenn sich diese Praxis verbreitet, wird sich in Betrieben und Schulen ein neuer Standard durchsetzen. Ähnlich wie sich heute in Europa und erst recht in den USA niemand mehr mit einer Zahnlücke sehen lassen kann, würde bereits leichte Begriffsstutzigkeit zum Stigma. Ein medizinischer Fachbegriff samt Kürzel ist schon gefunden: "Mild Cognitive Impairment" oder MCI, leichte Beeinträchtigung des Verstands; diese gibt Kandels Firma ausdrücklich als mögliche Indikation für ihre Medikamente an. Wird so den Armen, die sich das Hirntuning per Pille nicht leisten könnten, ein Nachteil mehr entstehen? Wie ernst Fachleute solche Fragen nehmen, zeigte sich auf einem Symposium der New Yorker Akademie der Wissenschaften und in einem Bericht, den die Bioethik-Kommission des amerikanischen Präsidenten vorgelegt hat. Diese warnt vor jeder Manipulation am Gedächtnis, sorgt sich allerdings besonders um solche Präparate, die das genaue Gegenteil der leistungssteigernden Mittel bewirken - sie löschen Erinnerungen aus. Traumatische Ereignisse sollen so im Nachhinein ihre Schrecken verlieren. Erste Versuche an der Harvard Universität verliefen erfolgreich, wo Psychiater Verkehrsunfallopfern nach ihrer Einlieferung ins Krankenhaus Adrenalin-Blocker gaben. Die Patienten konnten sich dann zwar an das Geschehen erinnern, doch ohne starke Gefühle. Andere Mediziner arbeiten daran, auch schmerzhafte Erfahrungen aus fernerer Vergangenheit verblassen zu lassen. Die Kommission des Präsidenten hält dies für unmoralisch: Weil die Erinnerung so zentral für die Persönlichkeit sei, würden die Menschen ihres Ichs beraubt. Und hätten nicht die Opfer einer Katastrophe gegenüber den Nachgeborenen die Pflicht, sich zu erinnern? Würde Eric Kandel eine Pille schlucken, die ihm die Gedanken an das Wüten der Nazis in der elterlichen Wohnung weniger peinvoll macht? Er verneint: "Aber was wir durchgemacht haben, war gering verglichen mit dem, was die in die KZs verschleppten Juden erlebten. Wer solch extreme Blessuren der Seele davontrug, dem würde ich zuraten. Niemand kann von Einzelnen verlangen, für die Allgemeinheit zu leiden." Die Pillen gegen und für das Vergessen stellen die Gesellschaft vor Fragen, auf die sie noch keine gültigen Antworten hat - und womöglich noch nicht einmal einen geeigneten moralischen Maßstab. Im Grunde gilt es entscheiden, für wie außergewöhnlich wir das Gehirn im Vergleich zu den anderen Organen erachten wollen: Die einen sehen in den grauen Zellen Einzigartigkeit und Würde jedes Menschen garantiert und wollen deswegen möglichst wenig Eingriffe in ihre Funktion zulassen; für die anderen besteht zwischen dem Gehirn und dem restlichen Körper kein fundamentaler Unterschied. Wenn die ärztliche Pflicht es fordert, einer altersbedingten Stoffwechselstörung in der Leber abzuhelfen, so erscheint es dieser Partei auch geboten, für ein optimales Arbeiten der Neuronen zu sorgen. Doch hierzu bieten Medikamente nur einen Weg unter mehreren. Mut macht gerade die zentrale Entdeckung Kandels und seiner Kollegen: Einerseits gelten für den Sitz der Persönlichkeit dieselben biologischen Prinzipien wie für alle anderen Organe. Andererseits aber reagiert das Gehirn nicht nur auf das chemische Milieu, sondern auch auf Erfahrung. Dass Muskeln nicht nur durch Anabolika aufgebaut und in Schuss gehalten werden können, erscheint uns selbstverständlich - aber nicht, dass Neuronen mindestens ebenso sehr nach Training verlangen. So werden sich neue Wege auftun, um den Gebrechen des Geistes vorzubeugen und sie zu heilen: Lebensgewohnheiten und Übungen des Verstands verändern sogar physikalisch messbar das Gehirn. Dass die Neuronen durch einen entsprechenden Lebensstil zudem leistungsfähiger werden, ist längst im großen Maßstab bewiesen: An den Genen kann es nicht liegen, dass jede Generation etwas klüger ist als die ihrer Eltern. Wie Vergleichsmessungen zeigen, ist der durchschnittliche Intelligenzquotient der Menschen in den Industrieländern das ganze vergangene Jahrhundert hindurch während jeder Dekade um etwa drei Punkte gestiegen. Dem Nobelpreisträger Eric Kandel, der in Deutschland längst im Ruhestand wäre, fällt das Führen seines Labors nach eigener Auskunft heute sogar leichter als in jüngeren Jahren. Sich die Namen und Erzählungen seiner Besucher zu merken, bereitet ihm sichtlich nicht die mindeste Schwierigkeit. Sieht er sich in seinem achten Lebensjahrzehnt als Kandidaten für seine Gedächtnismedikamente? "Ich brauche das nicht." © Stefan Klein 2004 Erschienen in Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24. Juli 2004 |
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